EU und Indien verhandeln über bahnbrechendes Freihandelsabkommen mit Hindernissen
Edeltrud WagnerEU und Indien verhandeln über bahnbrechendes Freihandelsabkommen mit Hindernissen
Die Europäische Union und Indien treiben die Handelsverhandlungen voran, die die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Regionen neu gestalten könnten. Ein mögliches Freihandelsabkommen (FTA) verspricht erhebliche Vorteile für beide Seiten – insbesondere für Deutschland, dessen Exporte nach Indien seit 2019 um fast 40 Prozent gestiegen sind. Dennoch bleiben zentrale Streitpunkte wie Indiens Bedenken gegenüber der EU-Klimazollgrenze und der Ausschluss der Landwirtschaft ungelöst.
An den Gesprächen sind hochrangige Vertreter mit unterschiedlichen Prioritäten beteiligt. Indiens Ministerpräsident Narendra Modi strebt einen besseren Marktzugang für Elektronik, Textilien und Chemikalien an, will aber gleichzeitig die heimische Auto- und Elektrofahrzeugindustrie schützen. Die EU-Spitze, darunter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Antonio Costa, drängt auf niedrigere Zölle für europäische Autos und Wein. Handelsminister Piyush Goyal und EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič müssen technische Hürden überwinden – von der Anpassung der CO₂-Grenzausgleichsmechanismen (CBAM) bis hin zu Nachhaltigkeitsvorgaben –, und das unter dem Druck der US-Zollpolitik.
Die EU will zudem Stahlimporte aus Indien begrenzen, während sie gleichzeitig höhere Exportquoten für den eigenen Automobilsektor durchsetzen möchte. Für Deutschland ist das Abkommen besonders attraktiv: Da die Lieferungen nach China seit 2019 um etwa 15 Prozent zurückgegangen sind, hat sich Indien als wichtige Alternative etabliert. Deutsche Maschinenbau- und Elektronikunternehmen sehen hier die Chance, ihre Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten zu verringern. Indiens IT-Dienstleistungssektor könnte zudem Europas Bestrebungen stärken, sich von der Dominanz US-amerikanischer Technologiekonzerne zu lösen. Doch Kompromisse sind unverzichtbar. Beide Seiten müssen Gewinne gegen Zugeständnisse abwägen – die Landwirtschaft wird voraussichtlich außerhalb des Abkommens bleiben.
Ein abgeschlossenes EU-Indien-Handelsabkommen würde für europäische Exporteure, insbesondere in Deutschland, einen strategischen Wandel bedeuten. Es könnte auch globale Lieferketten neu definieren, während Unternehmen nach Alternativen zu China suchen. Der Erfolg hängt jedoch davon ab, ob die Konflikte um CO₂-Steuern, Zölle und branchenspezifische Schutzmaßnahmen gelöst werden können.
