Facharzt-Überweisungen: Warum Hausärzte zwischen Druck und Missbrauch leiden
Uta PatbergFacharzt-Überweisungen: Warum Hausärzte zwischen Druck und Missbrauch leiden
Der Streit um das deutsche Facharzt-Überweisungssystem hat sich zugespitzt: Ärzte, Krankenkassen und Prüfer streiten über dessen Fairness und Wirksamkeit. Die aktuellen Regeln, die eigentlich die Behandlung dringender Fälle beschleunigen sollen, geraten zunehmend in die Kritik – nach Berichten über Missbrauch und steigende Kosten. Hausärzte berichten von wachsendem Druck, sowohl von Patienten als auch von Fachärzten, Überweisungen auszustellen, die nicht immer medizinisch gerechtfertigt sind.
Der Verband der Fachärzte (SpiFa) verteidigt das Überweisungssystem als rechtmäßig, sofern es medizinisch notwendig sei. Gleichzeitig räumt der Verband ein, dass diese Vorgaben keine zusätzlichen Termine schaffen. Unterdessen fordern der Bundesrechnungshof und der GK-Spitzenverband, der Dachverband der gesetzlichen Krankenkassen, die Abschaffung der Regeln. Ihre Haltung begründen sie mit Erkenntnissen, wonach sich die Wartezeiten für Patienten trotz der höheren Kosten des Systems sogar verlängert haben.
Viele Hausärzte befürworten das System, weil es in Notfällen eine schnelle Versorgung ermöglicht. Gleichzeitig klagen sie über finanzielle Ungleichgewichte und eine steigende Arbeitsbelastung. Eine Umfrage unter über 800 Hausärzten ergab, dass rund 750 von ihnen auf Fachärzte gestoßen sind, die Dringlichkeitscodes oder hausarztvermittelte Überweisungen ausnutzen, um ihre Einnahmen aufzubessern. Allein in Nordrhein-Westfalen berichteten mehr als 200 Hausärzte von Fällen, in denen Fachärzte unnötige Dringlichkeitsüberweisungen verlangten – einzig mit dem Ziel, höhere Gebühren abrechnen zu können.
Hausärzte dürfen gesetzlich keine Dringlichkeitsüberweisungen ausstellen, nur um Wartezeiten zu umgehen – sie müssen klare medizinische Gründe angeben. Doch wenn sie Anträge ablehnen, reagieren Patienten oft verärgert, sodass die Ärzte zwischen den Fronten stehen. Das System, das 2019 mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) eingeführt und seit 2021 digitalisiert wurde, sollte eigentlich Wartezeiten verkürzen. Doch es gibt keine offiziellen Daten dazu, ob sich die Zahl der Überweisungen verändert hat oder ob es regionale Unterschiede gibt.
Das Überweisungssystem bleibt vorerst bestehen, doch seine Zukunft ist ungewiss. Während Fachärzte beschuldigt werden, das System auszunutzen, und die Wartezeiten weiter steigen, werden die Rufe nach einer Reform immer lauter. Die Hausärzte tragen die Hauptlast des Konflikts – gefangen zwischen Patientenerwartungen, rechtlichen Vorgaben und ethischen Grenzen.
