Grüner Stahl spaltet die Börse: Salzgitter vs. Thyssenkrupp im Strategie-Duell
Uta PatbergGrüner Stahl spaltet die Börse: Salzgitter vs. Thyssenkrupp im Strategie-Duell
Zwei der größten deutschen Industriekonzerne gehen im Wettlauf um grünen Stahl völlig unterschiedliche Wege. Thyssenkrupp, ein weitverzweigter Mischkonzern mit Aktivitäten von U-Booten bis zu Autozulieferteilen, zerlegt sich selbst, um Wert freizusetzen. Salzgitter hingegen setzt weiter auf die Stahlproduktion und geht mit seinem bereits laufenden SALCOS-Projekt ein großes Risiko für die Dekarbonisierung ein. Der gegensätzliche Strategiekurs spaltet die Investoren: Welcher Ansatz wird sich langfristig auszahlen?
Die Zukunft von Thyssenkrupp hängt von seinem Zerschlagungsplan ab. Nicht zum Kerngeschäft gehörende Vermögenswerte sollen verkauft werden, während die vielversprechendste Sparte gehalten wird: Nucera, ein weltweit führender Anbieter von Elektrolysetechnologie. Diese Wasserstofftochter gilt als Juwel des Konzerns und ist entscheidend für die Produktion von grünem Stahl. Doch die Umsetzung stockt, und finanzielle Probleme zeichnen sich ab – die Prognosen deuten auf einen Nettoverlust im hohen dreistelligen Millionenbereich hin. Die Aktie spiegelt diese Unsicherheit wider: Trotz einer Marktkapitalisierung von rund 7,2 Milliarden Euro Anfang Februar 2026 schwanken die Kurse stark – an einem Tag ein Minus von 4,35 Prozent, am nächsten ein Plus von 3,54 Prozent. Innerhalb von drei Monaten liegt der Gewinn jedoch bei soliden 31 Prozent, was auf ein gewisses Investorenvertrauen in die langfristige Strategie hindeutet.
Salzgitter hingegen verfolgt konsequent seine klare Vision. Das SALCOS-Projekt zählt zu den fortschrittlichsten Dekarbonisierungsvorhaben Europas, und die Anlagen sind bereits im Bau. Die Aktie des Unternehmens bleibt robust und notiert nahe ihren Allzeithochs, da CEO Gunnar Groeblers Plan, grüne Stahl-Lieferketten zu sichern, die Investoren überzeugt. Die jüngste Übernahme von HKM hat die Marktnervosität weiter verringert, auch wenn die Reaktionen gemischt ausfallen.
Die beiden Konzerne stehen für eine strategische Spaltung in der Industrie. Salzgittters klarer Weg zu CO₂-armen Stahlprodukten kontrastiert mit Thyssenkrupps holprigerem Pfad, der durch Umstrukturierungen und Finanzierungsherausforderungen belastet wird. Doch die breite Aufstellung des Konzerns – von Marinesystemen über Autozulieferteile bis hin zu Wasserstofftechnologie – könnte sich als Puffer gegen Branchenschocks erweisen. Gelingt die Zerschlagung, könnten Sparten wie Nucera überproportionale Renditen abwerfen, selbst wenn der Gesamtkonzern weiter mit Volatilität kämpft.
Aktuell punktet Salzgitter mit stetigen Fortschritten in der grünen Stahlproduktion und genießt daher größeres Investorenvertrauen. Thyssenkrupps Potenzial liegt in seinen hochwertigen Vermögenswerten – doch nur, wenn die Umstrukturierung Früchte trägt. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich der fokussierte Ansatz oder die Zerschlagungsstrategie im europäischen Streben nach nachhaltigem Stahl als erfolgreicher erweist.
